Manchester: Die perfekte Vorstellung und ein Elfmeter

Witzischkeit kennt keine Grenzen – auch beim Schiedsrichter nicht

Ich kann mich nicht daran erinnern, nach Abpfiff eines Spiels jemals so enttäuscht gewesen zu sein wie in dieser Nacht in Manchester. Wir hatten sie doch im Griff, wir hatten (mal wieder) Chancen für drei Spiele, wir hatten den englischen Meister in dessen Stadion dominiert. Und wir hatten einfach Pech,

von Uli Deimel

Witzischkeit kennt keine Grenzen – auch beim Schiedsrichter nicht

 

Ich kann mich nicht daran erinnern, nach Abpfiff eines Spiels jemals so enttäuscht gewesen zu sein wie in dieser Nacht in Manchester. Wir hatten sie doch im Griff, wir hatten (mal wieder) Chancen für drei Spiele, wir hatten den englischen Meister in dessen Stadion dominiert. Und wir hatten einfach Pech, dass England nach dreißig Jahren endlich wieder einen Torwart hervorgebracht hat. In dieser Nacht durfte mir keiner mehr in die Quere kommen, auch Nadine nicht, und unser Planet hat vermutlich Glück gehabt, dass ich im Bus schnell in einen Tiefschlaf gefallen bin. Danach sieht die Welt bekanntlich anders aus. Inzwischen esse ich sogar wieder was.

Dienstag 22 Uhr Abfahrt. Im gut ausgestatteten Reisebus 26 Borussen, davon die Hälfte von unserem Fanclub, die andere Hälfte aus Ostwig, Büren und Dortmund. Im Frachtraum 50 Kisten Krombacher. Los ging’s, 0.45 Uhr Holland, 2.00 Uhr Belgien, 4.30 Uhr Frankreich, 5.15 Uhr Eurotunnel, hier 90 Minuten Verzögerung, weil uns die Kanalpenner nicht auf den gebuchten Transport-Zug ließen. Ina wollte Begrüßungsgeld. In Calais (und auch auf den völlig überfüllten belgischen Parkplätzen) konnten unsere Busfahrer Uli und Albert ihr ganzes Können unter Beweis stellen, denn die Auffahrten zu den Transportern wären selbst für einen Fiat 500 sehr schmal gewesen. Der Bus passte mit etwas Schwung aber gut durch, und so ging’s hinab in 70m Tiefe unter den Meeresboden. Hatte es in Frankreich noch Katzen und Hunde geregnet, war es auf der Insel meist trocken und überwiegend sonnig, für Nord-England absolut ungewöhnlich.

 

Nach einigen Rauch- und Entsaftungspausen standen wir 15.40 Uhr auf dem Stadion-Parkplatz. Anschließend mit dem Linienbus in die Innenstadt, wo wir dann auch unsere Leute trafen, die den Flieger genommen hatten. Schnell noch in etwas reingebissen, was die Einheimischen Burger nannten, und dann noch in einen gediegenen Pub gestolpert, wo wir endgültig merkten, dass Nord-Engländer keinerlei Vorbehalte gegenüber Deutschen haben. Ihnen reicht es, ab und zu mal einen Schotten durchzulassen. Nettes Volk. An der Bushaltestelle wies uns ein Eingeborener darauf hin, dass es zum Stadion nur 10 Minuten zu Fuß seien, wir gingen mit ihm, er kaute mir drei Ohren ab, und 35 Minuten später konnten wir das Stadion auch schon sehen.

 

Zum Spielverlauf muss ich nicht viel sagen, wir haben es alle gesehen. Es war ein Super-Spiel mit einer sehr, sehr guten Atmosphäre im Borussen-Lager. Die Ordner ließen uns gewähren, und die blauweißen Fans im Nachbarblock sorgten mit ihren Aktionen zumindest zeitweise für diese Stimmung, wie man sie nur in britischen Stadien erlebt. Der Rest der Citizens scheint allerdings schon zum Operetten-Publikum degeneriert zu sein, denn von der Tribüne hinter deren Tor kam nichts, aber auch wirklich gar nichts. Vielleicht haben sie aber auch nur unsere Partystimmung genossen und andächtig zugehört. Hätten wir nicht ab und zu „You’re shit and you know you are“ gesungen, wir hätten stehende Ovationen bekommen. Und der Elfmeter? Kann man geben, oder? Wir hätten Maxi fragen können, dem als Einzigen eine Zeitlupe zur Verfügung stand. Shit happens.

 

Unser Bus verließ als letzter den Parkplatz. Die Pflicht-Ruhezeit von neun Stunden wurde von Uli minutiös genau eingehalten, sodass es um 0.40 Uhr endlich zurückging. Als ich um 6 Uhr wach wurde, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen, als ich das Ortsschild von Folkstone sah. Die beiden Athleten im Cockpit haben es fertig gebracht, den Bus in gut fünf Stunden über die Insel zu lenken, sämtliche anderen Busse wieder einzuholen und sogar einen Zug eher zu erwischen als gebucht. Genutzt hat es uns wenig, denn der zweistündige Mammut-Stau in Belgien machte alles wieder zunichte. Jörg bekam dadurch entsetzlichen Durst, und nur aus Sympathie habe ich mitgemacht. Schlimm. Auf Video liefen nacheinander „Der Super-Stau“, „Bang Boom Bang“ und „Kein Pardon“. Witzischkeit kennt keine Grenzen, schon gar nicht bei zwei Promille. 16.30 Uhr Ankunft in Meschede. Hin- und Rückfahrt haben insgesamt also 33,5 Stunden gedauert, für 90 Minuten Fußball. Erklär das mal einem Normalbürger. Es war nicht unsere erste Monster-Tour dieser Art, aber wir waren uns hinterher alle einig, dass es diesmal keinerlei Quälerei war, sondern eine rundum gelungene Fahrt. Ich könnte schon wieder.

 

Abschließend noch ein offenes Wort an unseren Betriebsarzt Dr.OEge. Liebster Daniel, es steckt ja viel Arbeit in einer ordentlichen Busbeschallung, aber diesmal war die Musikauswahl wirklich grenzwertig. Zehn Stunden lang ging es zu gefühlten 50% nur um bl*sen, le**en, **chsen, f*ck*n, vorzugsweise a*al. Im Bus viele Gäste, auch weiblicher Natur. Toller Eindruck, Fremdschämen war angesagt. Nicht gut. Auf solche Songs stehen allenfalls picklige 16jährige, die gerade ihr erstes P*rnoh*ftchen auswendig gelernt haben. Aaaarrgghh! Aber für Deine spontanen, intensiven Bemühungen um Tickets für das Spiel sei Dir sehr herzlich gedankt. Ohne Dich hätte diese Hammerfahrt nicht stattgefunden. Top!